FgNr. 1U6201152


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Wiedersehen nach 18 Jahren, 5 Monaten und 18 Tagen


Motorradfoto im Katalog
Das 86er Modell mit silberfarbenen Felgen
Es ist Dienstag der 30. Juni 1987 als mich meine Mutter vor dem Geschäft der Firma Zweirad Schmitz in Bonn absetzt und wieder nach Hause fährt. An diesem sonnigen, warmen Sommertag werde ich mit meiner flammneuen XT500, die mir gleich übergeben wird, selbst auf den Weg zurück nach Hause machen.
Ich betrete den Laden und da alle Formalitäten schon vergangene Woche erledigt waren, händigt mir Herr Schmitz zügig die Papiere aus und führt mich in den Hof, wo SIE schon steht.
Liebe auf den ersten Blick.
Ein blitzsauberes, nagelneues Motorrad an dem noch niemand herumgebastelt hat. Ab jetzt gehört sie mir und ich bin sicher, dass sie in gute Hände kommt.
Auf 5500 DM hatte ich den Kaufpreis verhandeln können. Immerhin hatte ich auch dafür noch lange sparen müssen.
"Hier sind die Schlüssel", werde ich aus meinen Gedanken gerissen, "und jetzt erkläre ich Ihnen noch die Startprozedur" murmelt Herr Schmitz. Ich höre aufmerksam zu, hatten sich doch Gerüchte über XT-Fahrer mit gebrochenem Bein auch schon bis zu mir verirrt.
Nach Hinweisen zum Einfahren und den Inspektionsintervallen bekomme ich abschließend noch einen Tip, den ich bis heute beherzige und den ich hier unbedingt weiterempfehlen möchte (außer natürlich die Kontaktaufnahme zur Werkstatt):
"Wenn der Motor nach 2 mal Kicken nicht kommt, dann kommt er auch bei weiterem Kicken nicht mehr. Sie müssen handeln.
Setzen Sie den Choke und machen Sie 2 weitere Startversuche. Kommt der Motor so immer noch nicht, dann Choke raus und Warmstart rein.
Wenn der Motor nach 2 weiteren Startversuchen immer noch nicht anspringt, haben Sie ein Problem. Nehmen Sie dann Kontakt zu uns auf"
Sie springt natürlich auf den ersten Tritt an. Überglücklich verlasse ich den Werkstatthof und mache mich auf in Richtung nach Hause. "Es sind nur für ein paar Kilometer Benzin im Tank", erinnere ich mich. Also in Mondorf rechts ab Richtung Sieglar zur Tankstelle. Dort muss ich eine Lücke im Gegenverkehr abwarten um auf das links liegende Tankstellengelände zu gelangen. Um den rückwärtigen Verkehr dabei nicht übermäßig zu behindern, halte ich genau auf dem Mittelstreifen der Hauptstraße. Bis hierhin sind seit der Abfahrt in Bonn 20 Minuten vergangen und der Kilometerzähler ist gerade auf 14 Km gesprungen.

Dorfstraße mit Tankstelle
Der Unfallort 18 Jahre später mit geänderter Fahrbahnmarkierung
Da gibt es völlig unvermutet einen unglaublichen Schlag.
Ich fliege durch die Luft um Sekundenbruchteile später ca. 15 Meter weiter sehr unsanft mit dem Kopf auf den Asfalt aufzuschlagen.
Dann kehrt Ruhe ein.
Was sich in den kommenden Minuten abspielt kann ich nicht mehr ganz genau rekonstruieren, der nun geschilderte Ablauf ist jedoch nah an der Realität: Ich richte mich auf und sehe meinen Helm neben mir liegen. Warum hatte ich den Kinnriemen denn nicht geschlossen ? Mein nächster Helm wird einen Schnellverschluss haben, dann hat diese Bequemlichkeit ein Ende. Nun betrachte ich mein Motorrad, das auf der Gegenfahrbahn liegt. Ich sehe, wie weißer Schaumstoff aus dem zerissenen Sitzbankbezug herausquillt und der hintere Teil des Auspuffs wie eine Ziehharmonika zusammengefaltet ist. Überall ist die Maschine verkratzt und verbogen. Sie ist tot. Ich richte mich auf, irgendwer spricht mich an doch ich schubse ihn zur Seite: dieser Kleinwagen da vorne muss mich gerade umgenietet haben und sein Fahrer war eben ausgestiegen, als sich meine Faust auch schon in sein Gesicht bohrt, dann falle ich um.
"Wo bin ich ?"
Passanten haben mich, nachdem ich bewußtlos auf der Straße zusammengebrochen war, in eine Hauseinfahrt gezogen und den Notarzt gerufen.
"Wo ist mein Motorrad, ich muss zu meinem Motorrad" rufe ich und will wieder aufstehen als der Rettungswagen eintrifft.
Nach der gründlichen Untersuchung im Krankenhaus lautet die Diagnose: schwere Gehirnerschütterung und leichte Schürfwunden. Es hätte viel schlimmer ausgehen können.
Während ich nun 2 Wochen das Krankenhausbett hüten muss verfällt mein Resturlaub und ich habe viel Zeit darüber nachzudenken, warum der Idiot ungebremst auf mich draufgefahren war. Er habe mich nicht gesehen heißt es später im Unfallbericht. Er hat sich nie bei mir entschuldigt und ich frage mich bis heute, warum er einen halben Meter weit über der Mittellinie hinaus mit seinem Wagen auf der Gegenfahrbahn fuhr. Bei normaler Fahrweise hätte er mich wahrscheinlich nicht mal berührt. Solchen Fahrern sollte man eine längere Pause vom Straßenverkehr gewähren um gründlich über das Geschehene nachzudenken. Anschließend könnte man ihnen erlauben kostenpflichtig eine neue Fahrerlaubnis zu beantragen ! Im Falle einer Wiederholung plädiere ich jedoch für eine lebenslange Verkehrsabstinenz.
Während des Krankenhausaufenthaltes drehen sich natürlich fast alle Gedanken darum, möglichst schnell wieder eine XT zu bekommen, gesund werde ich schließlich auch von alleine.
Eine Reparatur der Unfallmaschine würde laut Gutachten rund 6500 DM kosten.
Die größten Ersatzteilposten waren dabei: 1400 DM für einen Motor, 1200 DM für Rahmen, 880 DM für einen Tank und 440 DM für einen Schalldämpfer.
Der Gutachter stellt mir dann 1000 DM, die innerhalb weniger Tage zu begleichen seien, für seinen Dienst in Rechnung. Um diese Summe aufbringen zu können, muss ich die "alte" Unfallmaschine noch aus dem Krankenbett heraus verkaufen. Ich habe sie leider nie wieder gesehen. Das würde ich heute natürlich nicht mehr so machen, aber damals hatte ich weder Erfahrung noch die richtige Unterstützung von Anwalt oder Händler.
Da die Auszahlung der Versicherungssumme einige lange Wochen auf sich warten lassen würde strecken meine Eltern nach heftigem Drängen Geld vor, um, noch zu absoluter Bettruhe verpflichtet, XT500 Nr. 2 zu ordern. Immer noch im Krankenhaus liegend wird schon am 7. Juli 1987 die nächste XT, 1U6201193 auf mich zugelassen. Dieses Motorrad fahre ich heute noch und sie hat mich stets treu begleitet. Bei Kilometerstand 250.000 (aktuell Kilometerzähler) wird sie einmal ihre Schuldigkeit getan haben und durch eine andere XT500 abgelöst werden.

18 Jahre später

Im September 2005 überkam mich an meinem 40sten Geburtstag eine gewisse Melancholie und ich wollte nun allzu gerne wissen, was aus meiner ersten XT500 in all den Jahren geworden ist. Gibt es sie überhaupt noch, wie viele Nachbesitzer hatte sie und was haben sie mit ihr erlebt.
Für eine erfolgversprechende Recherche wusste ich allerdings viel zu wenig über dieses Motorrad: es gab keinen Kaufvertrag mehr aus denen die Fahrgestellnummer oder das Kennzeichen hervorging, natürlich auch keine Fotos und selbst die Firma Zweirad Schmitz hatte nach so vielen Jahren keine Daten mehr über den Verkauf. Nur an eines konnte ich mich erinnern: mein kleiner Bruder Christoph hatte damals einen Käufer für das Unfallmotorrad gefunden. Einer seiner Freunde hatte die Maschine erworben und daher bat ich zunächst ihn, mit der Recherche zu beginnen. Er machte das auch gerne und zu meiner Überraschung und Freude hat er gleich die gesamte Nachforschung in die Hand genommen um mir in unregelmäßigen Abständen über sein Fortkommen und einzelne Nachbesitzer zu berichten. Im November 2005 geriet die Sache dann ins Stocken. Die Besitzerin Nummer 3 sei umgezogen und die Anschrift des Besitzers Nummer 4 an den die Maschine im Jahr 2000 verkauft wurde sei, wenn überhaupt, in irgendeinem Umzugskarton zu finden. Es würde aber dauern bis sie Zeit habe nachzugucken. Mein Bruder sagte mir zu bis Mitte Dezember die Telefonnummer dieses Mannes zu wissen, ich solle ihn jedoch nicht drängen. Ich bekam den leisen Verdacht, dass er mir nicht alles erzählte.
"Es gibt leider nichts gutes über dein Motorrad zu berichten", höre ich ihn am Telefon sagen, "in ein paar Tagen kann ich dir aber eine Telefonnummer geben, damit du selber nachfragen kannst." Am Samstag den 17. Dezember feierte mein Neffe seinen dritten Geburtstag und aus diesem Anlass war ein Großteil der Familie zusammengekommen. Auch Christoph war da. Nachdem er sein Geschenk an den Neffen überreicht hatte wandte er sich mir zu.
"Da du Weihnachten dieses Jahr nicht in Deutschland sein wirst Stefan, bekommst du heute schon dein Geschenk von mir. Leider ist das hier alles, was von deiner ersten XT noch übrig ist. Ich hätte dir gerne bessere Nachrichten überbracht."
Er übergibt mir einen kleinen Geschenkkarton und ich muss kräftig schlucken. Nach dem Auspacken finde ich darin eine Zündkerze, Farbdosen, Kettenfett, den original Ölmessstab, alte Rechnungen über Ersatzteile und den Fahrzeugbrief, der mich als ersten Besitzer ausweist. Das war es also. Das war das Ende der Geschichte meiner XT500 Nr. 1. Schade, wirklich Schade, dass es so endet. Aber wenn ich sie nicht mehr haben kann, so weiß ich wenigstens, dass auch kein Anderer sie mehr besitzt.
"Was ist denn mit der Maschine passiert und wie bist du an den Brief gekommen, ich möchte alles erfahren", frage ich.
"Tja, die Geschichte ist nicht so einfach. Komm mal her, dann erzähle ich dir alles." Mein Bruder steht mit meiner Frau an der Terassentür. Als ich mich dazustelle sagt sie, dass die Geschichte wirklich beeindruckend sei und ein Blick aus dem Fenster vielleicht einiges erklären würde.

Motorrad und zwei Personen
XT Nr. 1, Christoph (links) und ich
Ich drehe mich um und schaue hinaus:
Da steht im hellen Scheinwerferlicht eine XT500 auf der Terrasse.
Die Situation überfordert mich etwas und meine Knie werden plötzlich ganz weich.
"Stefan, es ist deine XT Nr. 1 und ab jetzt gehört sie wieder dir", höre ich Christoph sagen. Ich kann es zuerst noch nicht glauben und falle ihm dann tief beeindruckt um den Hals. Draußen gehe ich um die Maschine herum und schaue sie an, genauso wie vor über 18 Jahren auf dem Hof von Zweirad Schmitz.
Sie ist gepflegt, wenn auch nicht überall im Originalzustand. Aber es sind Kleinigkeiten, die sich korrigieren lassen. An die neue Lackierung werde ich mich gewöhnen und eins ist absolut sicher: ich werde sie nicht nocheinmal hergeben.
Mein Bruder und mein Schwager hatten am Vortag lange vergeblich versucht sie zu starten, selbst anschleppen mit einem PKW brachte ihnen keinen Erfolg.
Nach Belüften des Brennraumes und Trocknen der Zündkerze startet sie jetzt auf den ersten Tritt und ich kann nach langer, langer Zeit die zweite Fahrt mit ihr antreten, die mich kurz durch den Garten führt.
Sie hatte 3 Besitzer nach mir (oder vor mir, je nachdem wie man es sieht). Der Kilometerzähler zeigt 36.995 km und anhand der vorliegenden Rechnungen ist der zweite Kolben verbaut. Sie wird nun eingelagert um XT500 Nr. 2 nach deren Außerdienststellung einmal abzulösen.

Tja, mein kleiner Bruder Christoph.
Was habe ich nicht früher alles seinetwegen eingesteckt. Aber heute, mit dieser riesigen Überraschung, hat er alles wieder gutgemacht.

Während ich diese Zeilen hier einige Wochen später niederschreibe, erlebe ich die gleichen Emotionen, wie im Moment der Übergabe, noch einmal.